Montag, 9. September 2019

Erfahrungsaustausch motiviert!


Sonntag

Mittlerweile sind wir Erasmus - Kolleginnen des Mobilen Motorik Teams der Heilstättenschule Wien schon ein sehr eingespieltes Reiseteam, unsere Anreise und das Beziehen unseres Quartiers laufen wie am Schnürchen.
Ein Fuchs begrüßt uns mit einem "Tanz" neben der Landebahn, Tallinn wirkt von Anfang an gemütlich.

Mit einem kleinen Rundgang durch die Altstadt mit den vielen mittelalterlichen Türmen stimmen wir uns auf das Land ein. Für weiteres Sightseeing wird dann keine Zeit mehr sein, denn wir haben einiges vor.





Wir gestehen, auf dieser Aussichtsterrasse haben wir uns auf die Adventzeit eingestimmt und bei nasskaltem Wetter den ersten "Glögg" der Saison verkostet - er war köstlich ...

Montag

Meeting mit der Leiterin der Foundation INNOVE, der Bildungsberatungsstelle des Bildungsministeriums. Frau Nele Labi gibt uns mit einer Präsentation einen Überblick über die inklusive Bildung in Estland und wie die Beratung konkret durchgeführt wird. 
Sie begrüßt uns mit dem Statement:
"Education is the religion in Estonia"




Bei einem anschließenden Rundgang  besichtigen wir das Tallinner Rajaleidja Center der Foundation. In Estland gibt es davon 16 Kompetenz-Zentren zur Förderbedarfsfeststellung und Förderberatung. Die Fernberatung per Chat unter Verwendung der EU-Software "WILDIX" (Skype erfüllt nicht die Kriterien zur Datensicherheit) wird gerade aufgebaut.
In jeder Schule gibt es eine SEN-Koordinatorin, wie wir es auch schon in England kennengelernt  haben. Diese ist direkte Ansprechpartnerin für alle "special educational needs = SEN ". Es gibt keine SchulärztInnen, dafür an jeder Schule eine "school nurse".

Die Mittagspause in der sowohl im Design wie auch kulinarisch äußerst geschmackvollen Kantine des Geschäftsviertels führt uns vor Augen, wie "e" "e-Estonia" ist: der bargeldlose Zahlungsverkehr ist sehr weit verbreitet. 

Mithilfe der "Bolt"- App (für uns selbst erstaunlich, wie pragmatisch wir mittlerweile die digitalen Tools auf unseren Reisen nutzen;)) schaffen wir die Ortswechsel problemlos und kommen nachmittags rasch zum Astangu-Center, das Berufseingliederungstrainings für 16-64 jährige Personen durchführt.


Die Centrums-Leiterin Veronika berichtet uns ausführlich über die gute Vernetzung der therapeutischen und pädagogischen Institutionen.


Die Hinweise auf die Unterstützung durch die EU sind überall angebracht.


 Ziel ist die größtmögliche Selbständigkeit der Klientinnen und Klienten.



Es gibt auch die Möglichkeit der Internats-Unterbringung und viele Angebote, die die Selbständigkeit auch in der Freizeitgestaltung fördern -  inklusive freier Benützung des Hallenbads!





Conclusio des ersten Tages: sehr nette Leute, tolle Fachdiskussionen - alles in englischer Sprache, deshalb raucht uns auch abends der Kopf ...

Am Heimweg kommen wir noch am Telliskivi, dem "Museumsquartier" von Tallinn, vorbei und finden Abkühlung.




Dienstag

Wir treffen Anastasia von der Heilstättenschule in Tallinn und besichtigen die "Konstantin Pätsi Schule", eine aus einer Stiftung gegründeten Schule, die auf einem wunderschönen, waldigen Grundstück gelegen ist.


Früher war dies ein Ort für Kinder mit Tuberkulose, nun gibt es hier eine Schule samt Internat für psychisch bedürftige Kinder und Jugendliche. Der Pausengong ist ganz besonders: eine Relax-Nummer aus der Chill-out-Lounge.



Die Räumlichkeiten sind bewusst schlicht (reizreduziert) gestaltet, da viele SchülerInnen Wahrnehmungsprobleme haben.


Sitzsäcke gibt es in jedem Raum.


 In der Wohngruppe gibt es klare Regeln, mit den Eltern wird systemisch in regelmäßigen Gesprächen vorwiegend freitags beim Abholen der Kinder gearbeitet. 
Psychomotorik ist niemandem hier so richtig vertraut, Musiktherapie hingegen schon.
Die Klassenzimmer für 2-4 Kinder sind großteils in Pavillons auf dem Freigelände untergebracht.



Die Schule kooperiert mit der psychiatrischen Klinik, an der die SchülerInnen von Heilstätten-Pädagoginnen unterrichtet werden. Die Aufenthaltsdauer an der Klinik beträgt meist 3-4 Wochen zur Abklärung und Abstimmung einer eventuellen Medikation sowie anderer Maßnahmen. Die Konstantin Pätsi Schule ist danach oft der nächste Schritt, bevor die SchülerInnen die Fähigkeit haben, die Regelschule zu besuchen.
Die Verweildauer an der K.Pätsi Schule ist nicht limitiert.


Danach fahren wir mit Anastasia und einer weiteren Kollegin zur Klinik Tervise. Die Station für Kinder-und Jugendpsychiatrie befindet sich in einem separaten Gebäude neben dem Haupthaus des Spitals und ist erst 5 Jahre alt.
Die PatientInnen sind in kleinen Wohneinheiten untergebracht - hier ist der Aufenthalts- und Essbereich zu sehen.


Es gibt einen Timetable mit den Therapie- und Schulterminen auf einem Whiteboard zur Übersicht für PatientIn und das medizinische Personal.


In jedem Schlafzimmer steht eine Tafelwand für die Gestaltung mit Farbkreiden zur Verfügung. Die Zeichnungen und Inschriften der PatientInnen sind oft aufschlussreich für die weiteren Behandlungsschritte.


Die kleinen Schulräume mit Platz für bis zu 4 SchülerInnen und 2 LehrerInnen befinden sich im selben Stockwerk.


Anastasia demonstriert uns die digitalen tools, die an der Heilstättenschule in Tallinn üblich sind. Alle Pädagoginnen arbeiten bereits mit Microsoft office 365. Das bestätigt uns in den derzeit laufenden Bemühungen, das Programm endlich auch für alle Pädagoginnen der Wiener Heilstättenschule zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Der individuelle Einsatz der unterschiedlichen Schulbücher ist leicht möglich, da alle Schulbücher als e-books vorhanden sind.


Da die Tallinner Kolleginnen diesbezüglich noch keine Erfahrung haben und interessiert sind, demonstriert Monika noch kurz die Funktionsweise des Avatars AV1, da ihr derzeit ein Demogerät der Firma NoIsolation zur Verfügung steht. Kurz loggen wir uns mittels Smartphone ein und besichtigen aus der weiten Ferne Monikas Wohnzimmer.


Nach dem Überreichen unserer Gastgeschenke (u.a.Wiener Weißwein) fachsimpeln wir noch kurz über unsere diesbezüglichen Vorlieben. Danach heißt es auch schon Abschied nehmen, da wir rechtzeitig die Fähre nach Helsinki erreichen wollen. (vielleicht gibt es ja bald ein Wiedersehen ...)

Mittwoch

Das Bildungsministerium hat kurzfristig einen gemeinsam geplanten Schulbesuch abgesagt. Deshalb nutzen wir die Zeit zum Besuch der - zur als weltweit besten ausgezeichneten - Bücherei von Helsinki - schon von außen ein grandioses Gebäude.


Und erst von innen !!!

Die unterschiedlichen Bereiche wie zum Beispiel:

Cafeteria, Leseraum, Musikzimmer, Besprechungsräume, Digi-Lab mit 3D-Druckern, unterschiedliche Studien-Sitz-Leseplätze, Nähmaschinen mit Bügelmöglichkeit

werden von alt und jung gemeinsam benutzt.




Im Europa-Corner der Library nehmen wir mit unserem Bild an der Foto-Ausstellung teil.









Wir erspähen zwei Schulklassen und sprechen mit den Lehrkräften.

Auch in Finnland wird nur mit Wasser gekocht. 

Es braucht stets individuelle Lösungen und eine gute Zusammenarbeit der PädagogInnen und Bildungsinstitutionen.
Inklusion ist nicht einfach von oben verordenbar.
Große Probleme gibt es mit der Eingliederung nicht-finnisch-sprachiger Schüler.

Selbstverständlich sind: 
-) school-nurses an jeder Schule
-) SEN-KoordinatorInnen an jeder Schule (für special educational needs)
-) Assistenz für förderbedürftige Kinder mit z.B. Autismus oder Körperbehinderung
-) der Einsatz digitaler Tools:
jede Lehrkraft bekommt vom Dienstgeber einen Laptop als Schul-Arbeitsgerät,
es gibt genügend i-Pads für die SchülerInnen,
die meisten Schulbücher sind auch als e-books verfügbar.

Wir tauschen mit einer Kollegin Kontaktdaten aus  um eventuell weitere Begegnungen zu ermöglichen,
das Interesse wäre von beiden Seiten groß!


Donnerstag

Ein wirkliches "best-practice" - Beispiel wird uns heute bewusst.

In Finnland wird jedes Kind mit Vollendung des 4.Lebensjahres hinsichtlich des Entwicklungsstands untersucht. So können rechtzeitig Fördermaßnahmen und Therapien veranlasst werden. Dafür stehen dann noch 3 Jahre zur Verfügung, da die Schulpflicht erst mit dem 7. Lebensjahr beginnt. Das letzte Jahr der "Pre-school" ist verpflichtend und kostenlos, eine Erweiterung auf zwei Jahre wird gerade angedacht. Es gibt genug Ressourcen der Sozialarbeit und Therapie, sie stehen bei Bedarf auch kurzfristig zur Verfügung.



Dies alles erfahren wir bei unserem Treffen mit Saila, deren Kollegin wir auf der "international staff week" im November 2018 in Ghent kennengelernt hatten. Saila ist Ausbildnerin für "pre-school-education" an der Metropolia Univerity. Wir erhalten einen theoretischen Überblick über Inklusion und special needs education in Finnland.

Dann besuchen wir ein Child Care Center (Kindergarten) mit einer Inklusionsgruppe. 


Der Eingang erinnert uns an einen Aufbewahrungsraum für Schischuhe. Es ist ein Trockenraum für das Outdoor-Gewand, das jedes Kind im CCCenter deponiert hat. Unabhängig vom Wetter gehen die Kinder täglich in den Garten spielen.


Die Sonderpädagogin erklärt uns die Piktogramm-Kärtchen ihrer "communication chain". Sie unterstützen die Alltagskommunikation und werden von allen Betreuungspersonen gleich benutzt.



Die Sessel wachsen von der Krabbelgruppe an mit den Kindern mit und sind sehr handlich.


Der Bewegungsraum wird auch als Speiseraum genützt. Uns wird die tolle Ausstattung der uns bekannten Kindertagesheime Wiens bewusst. Viel psychomotorisches Material sehen wir hier nicht.


Die multikulturelle Gesellschaft stellt auch dieses CCCenter vor große Herausforderungen hinsichtlich einer ausreichenden Sprachförderung der Kinder. Auf dieser Karte ist die Zusammensetzung der Gruppe ersichtlich.


Zurück an der Universität mischen wir uns unter die Studenten und erproben die Mensa. Um ca.5€ können auch Universitätsfremde hier gut Mittagessen. Es ist ganz schön viel los und wir beobachten, dass die vegetarischen Speisen (hier Erdäpfel mit Gemüse und Salat, dazu Knäckebrot mit Butter soviel man möchte) am beliebtesten sind.

 


Sowohl in Estland als auch in Finnland erwähnen die Leute oft im Gespräch das Wetter, vor allem die langen Winter. Unsere persönliche Theorie dazu: die Digitalisierung ist deshalb so weit fortgeschritten, damit man sich einige "Outdoor-Kämpfe" durch die Kälte und Dunkelheit des Winters ersparen kann.
Wirklich laut lachen haben wir bisher niemanden öffentlich erlebt. Der lustigste Mensch, dem wir bisher begegnet sind, war unser indischstämmiger Taxifahrer. 
Zurückhaltung ist offensichtlich, Depression in der Literatur oft erwähnt.
Wir kämpfen uns durch den Regen zum Kiasma-Museum für zeitgenössische Kunst und treffen dort auf eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte Installation: Zeitraffer-Videos mit Infrarot-Aufnahmen vom Erkaltungsprozess kurz zuvor verstorbener Tiere ...


Glücklicherweise treffen wir danach noch auf dieses bunte Kunstwerk!
Titel der Ausstellung: "coexistence" ...


Freitag

Die Mitgliedschaft der Heilstättenschule Wien bei der europäischen Heilstätten-Lehrer-Vereinigung "HOPE" ermöglicht uns den Besuch der Sopie Mannerheimin School am brandneuen Kinderspital in Helsinki.



Wir treffen die finnische Kollegin Ina.

Sie führt uns durch das durchgängig im "moomin"- Design gestaltete Kinderkrankenhaus.







Ein eigener Computerarbeitsplatz für jede Lehrerin ist in Finnland Standard, ebenso die Benützung von office 365. Davon können wir in Österreich (trotz laufender Bemühungen seit mittlerweile über einem Jahr) nur träumen. 
Aber dafür können wir Ina erstmalig den Einsatz des Avatar AV1 demonstrieren. Monika verbindet sich über die AV1-App auf ihrem Smartphone mit dem daheim in Wien bereitstehenden AV1.  Ina hat bisher nur im Allgemeinen vom AV1gehört, da sie nun eine konkrete Demo bekommen hat, will sie mehr Infos dazu und wir leiten sie gerne an die Firma NoIsolation weiter. 


Mit diesem Besuch endet unsere anstrengende, aufregende und tolle Erasmus+-Woche im Norden.

Ein Kurztrip nach Stockholm ermöglicht Monika noch einen aufschlussreichen Erfahrungsaustausch zur Avatar-Nutzung in Schweden mit Kärsten von der schwedischen Kinderkrebshilfe. 



Schnell hat uns danach wieder der Schulalltag im Griff. 

Wir haben viele tolle Infos und Anregungen bekommen und hoffen, den Verantwortungsträgern des österreichischen Bildungssystems einiges davon weitervermitteln zu können.

WIE SAGTE SCHON PIPPI LANGSTRUMPF?

 " den som är väldigt stark maste ocksa vara väldigt snäll" 

frei übersetzt: "wer stark ist muss auch nett sein"


Anhang / Deutschland

Zum endgültigen Finale gibt es noch einen kurzen Besuch der Rehacare-Messe in Düsseldorf, der im deutschen Sprachraum größten Messe für "Selbstbestimmt leben" / Hilfsmittelangebote.
Sogar die TU Wien zusammen mit Uniqa und Österreichischem Behindertenrat war mit ihrer neu entwickelten Einhand-Tastatur TIPYKEYBOARD vertreten!

In jeder Hinsicht bemerkenswert war zu beobachten, wie sich asiatische Anbieter an europäische Stände heranpirschten und heimlich mit dem Handy fotografierten...



Ein interessantes Gespräch ergibt sich mit Vertreterinnen der 
"Landesweiten Arbeitsgruppe Nutzung Assistiver Technologien und Unterstützter Kommunikation im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung NRW".
Sie zeigen großes Interesse an unserem Erasmus-Projektthema, ich hinterlasse Kontaktdaten.
Ich erfahre unter anderem neue Schulbezeichnungen wie zum Beispiel:
"Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung"


AUSFLUG NACH AACHEN zur AV1-Demo und Besprechung über die gemeinsame europäische Didaktik im Umgang mit Avatar und Blended learning!



Da Aachen quasi "gleich ums Eck" von Düsseldorf liegt, nutze ich noch die Möglichkeit, Uta vom Gymnasium in Cornelimünster zu treffen. Sie möchte einen AV1 dauerhaft in der Schulregion implementieren und über eTwinning ein Peer-Projekt dazu starten. Wir von Österreich und unsere Kollegin aus Luxemburg könnten mitmachen. Diese Zukunftsidee besprechen wir in einer zweistündigen Videokonferenz mit Christiane in Luxemburg, die zu Telepräsenz derzeit eine Masterarbeit verfasst.



Dem Schuldirektor des Gymnasiums demonstriere ich mit meiner Handy-App die Funktionsweise des AV1 und verbinde mich mit meinem Leihgerät in Österreich.
Spontan kann ich auch noch einem Schüler, der im Vorjahr gerne einen Avatar wegen seiner langen krankheitsbedingten Schulabsenz verwendet hätte, den AV1 demonstrieren und mit ihm und einigen Mitschülern darüber diskutieren. Sie wollen für den künftigen Einsatz eine "Peer-Kompetenzgruppe" an der Schule bilden. Ein weiterer Schritt zur didaktischen Auseinandersetzung mit dem Thema Telepräsenz und blended learning wird dadurch möglich.





"Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben."















1 Kommentar:

  1. Ein sehr interessanter Einblick in ein sehr faszinierendes, soziales Konzept, von dem vieles als nachahmungswürdig einzustufen ist. Ein toller, informativer Bericht! Ich halte die Daumen, dass auch hierzulande eine positive Entwicklung stattfindet.

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